Will einem die freundlich wirkende Dame auf dem kleinen Kärtchen von DHL und der Deutschen Post wohl sagen. Ich denke mir: das ist super! Es gibt Menschen, die für mich da sein wollen. Doch genau genommen möchte ich gar keine Individualbetreuung. Eigentlich möchte ich einfach nur mein erwartetes Paket.
Möglicherweise bin ich dabei sehr egoistisch. Schließlich gilt es ja auch die Arbeitsplätze derer zu sichern, die sich an den Telefonen des kostenfreien Service-Telefons wacker schlagen müssen. Allein die Tatsache, dass sie hervorheben das Telefonat sei kostenfrei, bringt meine Halsschlagader erneut zum Pulsieren. “Ruhig!”, sage ich mir. Das muss da stehen, schließlich muss das der Kunde wissen. Aber! Im Ernst, wer hätte anderes erwartet? Oder glauben die DHLer am Ende, sie könnten für ein Service-Telefon, das Kunden aus der von ihnen verursachten Verzweiflung erretten soll auch noch Geld verlangen. Nun gut seisdrum, was soll ich mich auf Nebenkriegsschauplätzen tummeln. Es reicht auf dem Schauplatz zu bleiben auf den ich zum wiederholten Male gänzlich unfreiwillig geschickt wurde.
Ich mag da nicht spielen! Welcher halbwegs rundtickende Mensch setzt sein Kind oder gar ein fremdes schon unfreiwillig in ein Kissenschlachtgehege? Man stelle sich das Getöse und Geschrei vor. Und ja, was soll ich sagen – völlig zu Recht. Ich will nicht ins Daunenmeer von DHL. “Ich will mein Paket!”, schreit es in mir.
Ich will das verdammte Paket, mit dem sich der für unser Haus zuständige Zusteller schon zwei Tage abmüht. Auch für ihn wäre es doch großartig. Man stelle sich vor wie sehr er sich erleichtern könnte, allein dadurch das er das Gewicht los wäre.
Aber scheinbar handelt es sich bei diesem Zusteller um einen Zeitgenossen, der einfach Schwierigkeiten mit dem Loslassen hat.
Wie sonst ist es zu erklären, dass zwei Tage weder geklingelt noch eine Karte verschickt wurde und er immer wieder mit meinem Paket an unserem Haus vorbei fährt. Gestern parkte er sogar in unserer Straße und lieferte andere Paket aus. Nur das meine ließ er nicht los. Doch vielleicht tue ich ihm auch Unrecht und ich lebe, ohne es zu wissen, in einem Haus, das harrypotteresk mit einem Unsichtbarkeitszauber belegt ist. So kann der arme Kerl gar nichts dafür, vielleicht.
Für diese Theorie spräche, dass im Sendungsverfolgungsprotokoll für den 2. Zustellversuch kein Ort angegeben wurde und der 1. Versuch gar nicht erst dokumentiert ist. Ein weiteres Indiz ist, dass er für ein anderes Paket, das er am gleichen Tag mit sich herum fuhr immerhin eine Karte verschickte. Für das andere gelang ihm dieser Ablöseprozess nicht. Ich frage mich nun, ob ich wohl mit der Sendungsnummer und dem Protokoll der Sendungsverfolgung mein Päckchen in der so genannten Zustellbasis abholen soll. Ja und dann stellt sich weiter die Frage: wo ist die Zustellbasis? Irgendwo im Hafen, an der Elbe oder in meinem umliegenden Postamt. In Anbetracht des recht militärisch klingenden Namens, mag es ja sein, dass dieser Ort geheim gehalten wird.
Vielleicht hätte man gestern nicht hinter dem plötzlich weiterfahrenden gelben Lieferwagen vom Fenster aus hinterher winken sollen. Zukünftig gilt es wohl sich am Straßenrand auf die Lauer zu legen und ihn mit einem gekonnten Bodycheck gegen den Zusteller oder dem Wurf des eigenen Körpers vor den Lieferwagen auf sich aufmerksam zu machen.
Das wollte ich mit der freundlich wirkenden Dame einmal erörtern. Wer weiß, vielleicht hat sie eine Idee wie ich aus dieser unfreiwilligen Kissenschlachtnummer herauskomme, dachte ich mir. Ab wann die wohl am Telefon erreichbar sind? Es war früh am Morgen 7:00 Uhr MEZ. Ich ging davon aus, das Servicecenter hat den Sitz mal nicht in China oder im Ostblock und versuchte mein Glück zu den üblichen Geschäftszeiten, die ich mal auf 9:00 Uhr legte.
Das war am Freitag. Besonders herrlich war die direkte automatische Ansage, dass ich drei Minuten in der Warteschleife verbringen sollte, bevor sich das freundliche Paketteam um mich kümmern wollte. Ich war kurz davor wieder aufzulegen als ich feststellte, dass sie mich nun zu allem Überfluss auch noch drei Minuten mit Werbung beschallen wollen. Doch ich blieb in der Leitung und arbeitete nebenbei weiter bis ein Mensch sprach. Die Mitarbeiterin an der Hotline war wirklich so freundlich wie auf dem Foto oben angekündigt. Sie erklärte mir im breitesten ostdeutschen Dialekt, wie leid es ihr täte, sie meinen Ärger verstehen könne und sich im Namen von DHL entschuldige. Sie las ihren Dialogleitfaden perfekt ab. Dennoch tat sie mir sofort leid. Wie oft muss diese arme Frau sich wohl für DHL entschuldigen? Leider könne sie auch nichts anderes machen als meine Beschwerde weiterzuleiten, da sie den Zusteller auf dem Wagen nicht erreichen könne, erklärte sie mir. Ich gab mich zufrieden besonders nachdem sie mir mitteilte, mein Paket fahre heute wieder mit.
Hey dachte ich bei mir: eine neue Runde, ein neues Spiel. Mal sehen wer dieses Mal gewinnt.
Am Ende eines langen Tages, als die Cowboys bereits in den Sonnenuntergang ritten, um auf der Veranda ihrer Ranch ein kühles Blondes zu genießen, klingelte es dann auch an meiner Tür. Der Zusteller brachte mein Paket. Doch das war nicht alles. Er brachte auch noch eines für den Nachbarn unten links und eines für den Nachbarn unten rechts. Wie sich später herausstellte, hatten beide Nachbarn ebenfalls schon am Dienstag ihre Pakete erwartet. Nun ja es war Freitag als sie endlich kamen und wieder Ruhe einkehrte in das Haus, das Zusteller meiden. “Wer weiß, vielleicht leben wir doch in einem mit einem Unsichtbarkeitszauber belegten Heim, das sich nur an Freitagen zeigt”, dachte ich bei mir, während ich mit einem zufriedenen Seufzer die letzte Daunenfeder von meiner Schulter schnickte.

