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Tresengespräche

Zuweilen gehöre ich ja zu jenen, die bei bestimmten Menschen nicht nein sagen können. So kam es, dass ich mich gestern beim Stammgriechen hinter dem Tresen wieder fand, anstatt an einem der eingedeckten Tische, gemütlich für meine gustatorische Befriedigung zu sorgen.

Dieser Tresen hat etwas von zelebrierter innerstädtischer Dörflichkeit mitten in Hamburg. Das Bild des abendlichen Treibens auf dem Dorfplatz wird geprägt von einer Ansammlung der immergleichen kleingeistigen Einfaltspinsel, die im Laufe eines Abends ihre geistigen Finessen in Gänze erblühen lassen. Während für diese Gesellen besagter Tresen das erweiterte Wohnzimmer darstellt, meide ich ihn eher.
An diesem Abend kam mir meine Fähigkeit mich in Gedanken verlieren zu können einmal mehr zu Gute. Beim Polieren des gefühlt hundertsten Glases, Zapfen des ebensovielten Biers und Befüllen der Ouzogläser, erinnerte ich mich an Robert Lembkes heiteres Beruferaten. ‚Machen sie eine typische Handbewegung’ …sagen sie mir was bin ich. ….
Es soll ja schon vorgekommen sein, dass ich mir die Frage stellte, warum ich nichts anderes gelernt habe. Bei der Suche nach beruflichen Alternativen beneidete ich so die Fleischereifachverkäuferin, die sich lediglich um die Frische ihres Aufschnitts sorgen muss und am Ende zufrieden feststellt, dass sich die italienische Edelsalami besonders gut verkauft hat.

Ja ich weiß: zu kurz gedacht, aber so ist das eben, wenn man solch einer Sehnsucht frönt und glaubt, dass das Gras auf der benachbarten Weide sicher saftiger ist als das im eigenen Garten. Auch wenn Kneipenwirt nie eine meiner erdachten Alternativen war, weiß ich nun, dass es auf sicher nicht der für mich passende Job ist.
Klar war das spätestens als in Alkohol eingelegte weiblich Augenpaare mich über den Tresen hinweg anschielten, während man sich mit der Freundin über Scheidungsrituale und die Unmöglichkeit der Männer ausließ. Die Lautstärke der Unterhaltung passte sich den emotionalen Wellen an. Von leiseren Tönen bei der Unverständnisbekundung für Männer die ihren arbeitenden EXen noch Unterhalt zahlen, bis hin zu dem lauteren Auszählen der Freundin: „Das musst du tun!“, „Dann leide halt weiter. Soll ja Leute geben, die finden das toll und steh’n da drauf.“ Das ist ja auch mal eine nette Variante submissiver Lebensart, dachte ich bei mir, beeindruckt von so viel freundschaftlicher Empathie. Ok, das Thema war dezent verfehlt, beide am Ende unglücklicher als zuvor. Die Eine sah sich gescheitert in ihrem missionarischen Bemühen, die Andere fühlte sich schlecht bewertet und nicht verstanden. Wir alle waren froh als sie endlich hinausgekehrt werden konnten und ich applaudierte besonders glücklich als der Vorhang an diesem Abend fiel.

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