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Es ist Sommer; nach einem langen, entbehrungsreichen und schneelastigen Winter, einem sich gleichsam in die Länge ziehenden Frühling, ist nun endlich Sommer.
Ist es nicht herrlich, dass das Wetter immer wieder Gesprächsstoff bietet? Scheinbar reden wir gerne über das Wetter. Über den zu kalten Winter, ebenso wie über die Tücken des Frühlings. Mal ist es der Schnee, mal der Regen, der Anlass zum lamentieren bietet.
Doch jetzt ist alles anders, denn jetzt ist Sommer. Naja – nicht ganz, denn die Wetterthemen gehen uns allen natürlich nicht aus. Kaum ein Telefonat beginnt dieser Tage nicht mit Sätzen wie „Ist es bei euch auch so heiß?“ oder „Wie geht es euch und den Katzen in der Dachwohnung. Das muss doch Hölle sein.“
So ist es aktuell zu heiß, zu schwitzig. Ein ‘Ach’ und ‘Weh’ hört man landauf, landab. Ich habe mir geschworen, nicht zu jammern, sondern mich über den lang ersehnten Sommer zu freuen. Daher peitsche ich mich vorwärts und sage mir immer wieder „Der Sommer ist toll, die Hitze ist … welche Hitze?“ Auch wenn meine Haut noch so salzig schimmern mag, meine Haare die Bezeichnung Frisur eigentlich nicht mehr verdient haben; ich bleibe tapfer! Was soll es auch, schon als Baby klebten die 3 Haare, die ich besaß, an meinem Kopf. Dafür schwitze ich eben dann an den unsichtbaren Stellen nicht so … schnell. Aber gut – ich will mal nicht zu sehr über meine Feuchtgebiete schwelgen.
Strandfüße Über die Sommerzeit wollte ich schreiben.
Es gibt Dinge, die unseren Augen in dieser Zeit geboten werden, die diese nicht wirklich sehen wollen. Doch: Hey, wer hat schon die 90,60,90-Figur ohne ein Pölsterchen hier oder unförmige Stellen dort? Ist ja auch kein Problem, zunächst einmal. Aber muss es denn sein, dass Klamotten grundsätzlich zwei Nummern zu klein gekauft werden? Himmel noch mal, ihr Mädels da draußen; habt ihr alle keine Freundinnen? Also wir hätten uns gegenseitig nicht so auf die Straße gelassen. Nun ist mir ohnehin dieses Konkurrenzdenken untereinander fremd, weil ich das mit meinen Freundinnen nie zelebrierte. Wir standen auch immer auf unterschiedliche Typen, was die Lage ungemein entspannte. Der Schwarm der Freundin war stets Tabu. Aber gut; selbst wenn ich mal nicht von mir auf andere schließe, krieg ich das nicht zusammen.
Ich stelle mir vor, ich gehe mit meiner Freundin flanieren. Die Süße hat sich gerade mühsam in ihre 29iger 7/8 Jeans gepresst, obwohl eine 31iger schon eng sitzen würde, ihre – ich nenn sie mal liebevoll – Röllchen zeichnen sich unter dem – natürlich – hautengen T-Shirt ab. Durch die Enge der Hose wirken die Schritte, in ohnehin viel zu hohen Schuhen, plump und ungrazil. Ihre Röllchen bewegen sich bei jedem Schritt in Wellen. Mit dieser Freundin flaniere ich also die Straße längs, vorbei an einem Café, in dem mein Schwarm sitzt. Äaahm – wie peinlich ist das denn? Ich meine, so im Gesamtbild.
Mädels, DAS geht gar nicht! Zieht euch passende Klamotten an, Schuhe in denen ihr laufen könnt und alles wird gut.

Da im Sommer mit steigenden Temperaturen alle Menschen etwas weich im Hirn werden, werden verschiedentlich alltägliche Pflichtgänge zu einer noch größeren Qual. Für mich gibt es kaum etwas Schlimmeres, als einkaufen gehen zu müssen. Ja, ich weiß, ganz untypisch für eine Frau, glauben mir die Männer auch meist nicht, ist aber so. Besonderen Grusel löst der Lebensmitteleinkauf aus. Eine Steigerung erfährt dieses Grauen, wenn ‘durch-die-Hitze-noch-verwirrter-als-sonst-Rentner’ abends ihre Einkäufe erledigen. Es gibt Tage, an denen scheint ein Aufenthalt in den Gängen eines Supermarktes sehr reizvoll, ganz besonders mittig, mitsamt dem Einkaufswagen. Da sich im Alter das natürliche Distanzempfinden zu unbekannten Mitmenschen verschiebt, kann es sein, dass sie einem sehr nah kommen. Spätestens an der Kasse verliert man altersbedingt dann wohl alle Hemmungen. Ich sage euch, so einen Geh- oder Einkaufswagen in die Ferse gefahren zu bekommen, ist schmerzhaft.
Dieser Schmerz entfällt, wenn man die Freude hat, besagten Späteinkaufsrentner vor sich zu haben. Die Perücke ist verrutscht, einzelne silbrige Stähnen luken darunter hervor, der Schweiß rinnt den Nacken entlang. Auf dem Band: eine Tafel Schokolade, die mit den kleinen Einzelstücken, die schon mundgerecht verpackt wurde. Langsam bewegen wir uns auf die Kasse zu. Noch denke ich – naja was soll’s Omi wollte eben auch mal unter Menschen und man versteht doch auch, dass man in manchen Lebenslagen einen Heißhunger auf Süßes entwickeln kann. So bemühe ich mich, mit prosozialen Argumenten meinen Ärger weg zu atmen. Doch anstatt einfach nur zu bezahlen, kommt es wie immer. Omi sucht mit zitternder Hand in ihrem Kleingeldfach nach den passenden Münzen. Sie legt ein 2Cent-Stück auf den Tresen, noch eines und sucht und sucht. Es dauert. Ich will nach Hause. Ich atme, rede mir gut zu. Omi gibt das Suchen auf, schüttet geradezu schwungvoll ihr gesamtes Kleingeld auf den Tresen, mit der Aufforderung in Richtung Kassiererin „Machen sie mal“. Ich denke noch, na super, dann geht das ja mal voran. Vermutlich war es die schnellere Lösung, auch wenn es noch eine Weile dauert, bis Omi das Restgeld wieder im Portemonnaie verstaut hat und selbiges mitsamt der Schokolade in ihrer Handtasche verschwunden ist. Erst dann, keinen Moment vorher, wird sich langsam umgedreht und der Kassenbereich geräumt.

Eine Seite des Sommers, die ich ebenso herrlich finde ist: Bahn fahren. Im Grunde ist es auch ohne hitziges Wetter spaßig genug, was man im ÖPNV so erleben kann. Doch bei dieser Witterung? Es ist einfach unschlagbar. Allein die Geruchsexplosionen denen man ausgesetzt ist, sind einzigartig. Grenouille – als Parfumeur- hätte sicher seine Freude daran.
Ganz aktuell kann ich folgenden Schnappschuss erzählen:
Eine schwer schnaufende Frau schleppt sich, in extrem gebückter Haltung, gerade noch rechtzeitig in die U-Bahn. Ächtzend stößt sie die Worte „Bitte machen sie Platz!“ aus, als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen und lässt sich auf den nächstbesten Sitz fallen. Sie atmet derart stoßweise, dass andere Fahrgäste ihr schon besorgte Blicke zuwerfen. Blicke die fragen: ‚Sie wird doch wohl nicht jetzt und hier …?’
Mit einer zuckenden Bewegung ihres Armes fordert sie einen Jüngling auf, die einzige offene Luke zu schließen. Dieser reagiert folgsam. Das wiederum war das Startsignal für die schwitzende, adipöse Matrone, auf dem angrenzenden 4er Sitz. Man hätte ihr das behände Aufspringen gar nicht zugetraut. Und schon schimpft sie los: „Nein, also so geht das gar nicht!“, ruft sie aus, während sie die Luke wieder öffnet. „Sie sind hier nicht alleine. Dann müssen sie sich woanders hinsetzen.“ Ihr Ton ist bestimmend.
„Aber ich kann doch nicht.“, jammert die Alte.
„Oh doch! SIE können!“, funkelt die Matrone und redet weiter: „Ich bin Krankenschwester der Chirurgie. SIE müssen nur mal zu einem Spezialisten. SIE können!“
„Aber ich war doch schon beim Arzt.“, entgegnet die Alte.
„SIE können und sie müssen nicht so laufen. ICH weiß von was ich rede. Ich bin Krankenschwester. Gehen sie zum Spezialisten und lassen sich operieren. Ich seh’ genau was sie haben. Da gibt es Spezialisten für.“
„Aber ich wurde doch schon operiert”, jammert sie weiter, wenngleich ihre Stimme langsam kräftiger wird.
„Dann müssen sie eben noch einmal hin!“, entgegnet die Matrone, keinen Widerspruch duldend. An diesem Punkt musste ich die Bahn verlassen. Der eingekeilte Jüngling schaute grinsend und irgendwie neidisch hinterher. Auch er wäre wohl lieber ausgestiegen.

Im Sommer findet das Leben allgemeinhin ja mehr auf den Straßen statt. Das gilt besonders abends, wenn alle ihre Fenster öffnen und sehnsüchtig nach einem Luftzug heischend, ihre Balkone bevölkern oder sich in ihre Fenster setzen.
Auch die Geräusche sind im Sommer andere.
In der Großstadt sind es eben nicht die zirpenden Grillen, sondern das Gebrummel und Gesumme der Stimmen aus der Nachbarschaft, knatternde Motorroller, Autoverkehr. Erst spät wird es ruhiger in solch einer Sommernacht.
Oft verändert sich mit der kühler werdenden Luft die Geräuschkulisse. Sanft erklingt das Schnarchen des Nachbarn aus der Wohnung schräg gegenüber. Laut genug, dass man sich darüber freut, die Nacht nicht neben ihm verbringen zu müssen.
In den Hinterhöfen wirken die einzelnen Fenster fast wie die Teile eines Schlagzeugs, die unterschiedlich geschlagen werden. Die Liebesgeräusche der sexuell aktiven Pärchen hört man im Wechsel. Sind die einen fertig, beginnen die anderen. Hier und da flimmert ein Fernseher. Verschiedene Musikstile mischen sich miteinander. Schlager paart sich mit chilligen Elektrorhytmen und mittendrin jauchzt Michel Jackson.

Und dennoch, ich liebe den Sommer. All’ das ist Sommer. Ich liebe die Wärme, die Sonne, die die Seele streichelt und auftankt.
Alles fühlt sich freier an.
Die Klamotten sind leicht und kaum spürbar. Wenn einem danach ist, packt man die Sachen und fährt Baden. Sport macht draußen ebenfalls viel mehr Spaß als in stickigen Muckibuden.
Es ist so lecker Gegrilltes zu essen oder das viele Obst, die Salate, die man saisonal kaufen kann.
Ja so muss das sein!
Ich bin ein im Sommer geborenes Kind, vielleicht rührt daher meine Affinität. Meine Wohlfühltemperatur liegt bei 25 Grad Celsius. Das trägt immer wieder zum Amüsement meiner Mitmenschen bei. „Ah sie hat Gänsehaut. Was sagt das Thermomenter?“ „24,5 Grad?“ „Ach nein, was ihr nicht sagt!“

In diesem Sinne: genießt den Sommer. Verschließt eure Nasen, wenn es zu arg wird oder senkt den Blick. Es gibt so viel Schönes zu sehen, zu schmecken und zu riechen.

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4 Kommentare auf “Sommerzeit – Das Leben tobt!”

  1. Greg sagt:

    Das Versprechen nicht über das Wetter zu jammern habe ich mir auch abgenommen. Ein paar Twitze darüber sind OK, mehr aber auch nicht. Schön zusammengefasst die Sorgen und Schönheiten eines Sommers in der Stadt…regt zum intensiveren Ausleben desselbigen an. Wunderbar!

  2. Laja sagt:

    Vielen Dank!
    Dann doch einfach immer schön weiter sommern!

  3. Conti-Olaf sagt:

    Liebe Laja,

    welch wunderbare Zeilen!
    Um es mit Fatzebuch zu sagen: Gefällt mir! Gefällt mir sehr!

    Lieben Gruß!

  4. Laja sagt:

    Ihr macht mich ganz verlegen aber natürlich auch freudig.
    Danke!