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S-Bahn-Geschnacke

Es ist immer wieder ein Ohr wert, abgespannt vom Tagwerk, oder an Freitagen gar von einer ganzen Woche, S-Bahn zu fahren. Die nicht überhörbaren Gespräche der gegenüber sitzenden Mitreisenden sind doch zu stimmungsaufhellend.

In meiner S-Bahn fährt wie überall sehr buntes Volk mit, aber eben auch immer wieder Studierende des Fachbereiches Ökotrophologie. Allein der Name hätte mich schon nicht für diesen Studiengang gewinnen können. Auch wenn mich der Eine oder die Andere steinigen möge ob meiner vorurteils- und klischeelastigen Einstellung, doch bereits die Klangfarbe beim Aussprechen des Wortes allein klingt so muffelig, mit einer Prise Langeweile. Gar so kommen sie zuweilen auch daher, gerne Frauen im ökologischen Biooutfit. Naja – zugegeben, bequem sieht es allemal aus. Die nach außen getragene innere Einstellung wird gerne ausschweifend und innhaltsleer kommuniziert. Den Kopf in Schräglage mit verständnisvollen „mmhms“ und „aahs“, der Blick konzentriert und leer zugleich. Böse Zungen könnten auf die Idee kommen, dass in diesem Bereich all jene stranden, die bei den Psychologen, Pädagogen und Sozialwesenheimern nicht landeten. Vielleicht ist es ja ähnlich wie mit den ganzen Psychologiestudenten, die am NC für Medizin scheiterten.

Seis drum, eigentlich war es nur eine kurze Sequenz eines gestern aufgeschnappten Gespräches. Eine Frau und ein Mann, beide sehr jung. Er dick und mondgesichtig mit blitzenden Steinen im Ohr und die Mütze angeschrägt auf dem Kopf. Sie farblos, blonde, gewellte Haare die spannungsfrei ihr Gesicht rahmten.

Sie: „Ich finde ja heutzutage braucht man kein Fleisch mehr essen. Was sagst du dazu?“

Er: „Ich weiß nicht aber ja kann schon sein, die Inhaltstoffe im Fleisch dürften ersetzt werden können von anderen Sachen.“

Sie: „Ja genau: Tofu und so.“

Er nickt.

Sie: “Also ich kann mich gar nicht erinnern mal Fleisch gegessen zu haben. Ich kann das nicht fühlen.“

‚Nicht Fühlen?’ denke ich bei mir, nachdem sie es noch zweimal wiederholte.

Sie: „Ich hab mal Wurst und Hühnchen oder diese Fisch… die, wie heißen die, achja, Fischstäbchen gegessen, aber so ein Stück Fleisch, erinnere ich nicht. Irgendwie mochte ich das noch nie. Ich kann das einfach nicht fühlen, so im Mund, weißt du?  Das war schon immer so, deshalb ess’ ich nix mehr davon seit ich 7 bin oder so.“

Wie jetzt, hat sie oder hat sie nicht? Fleisch nicht fühlen können aber noch nie gegessen haben, muss ich nicht verstehen.

Er: „Mich nervt das, dass ich in diesen Kurs eingeladen wurde. Homöopathie. Weiß gar nicht was ich da soll. Was ist das überhaupt?“

Sie nickt verständnisvoll und antwortet: „Hm weiß ich auch nicht warum du da hin sollst. Aber Homöopathie ist doch das mit den Waldorf-Medikamenten, weißt du, Waldorfschule und so?“

BITTE? Ich schwanke zwischen Schock und Amüsement. Dabei denke ich an @holgi, der mit seiner erklärten Vorliebe zum Thema Homöopathie sich bestimmt erfreuen würde, an dieser Definition. Immerhin wusste ihr Gesprächspartner gleich was Sache ist: „Ah ja stimmt.“

Er: „Hast du einen Labello?”

Sie kramt nickend in ihrer Tasche.

Er: „Aber ohne Glitter, gell“

Sie: „Seh ich so aus als würde ich einen mit Glitter haben?“

Nee, das kann man nun wirklich nicht denken.

Er nimmt zufrieden den Pflegestift: „Meine Lippen sind so trocken und so.“

Er benutzt ihn und kommentiert: „Der riecht aber nicht schön.“

Sie: „Der riecht nicht schön?“ beschaut ungläubig den Stift „weiß gar nicht die Marke.“

Er: „Bestimmt Bio.“

Sie schnuppert an dem Pflegeprodukt: „hm … ich mag das, so nach Jojoba, etwas Honig vielleicht.“

An dem Punkt endet meine Fahrt. Beim Aussteigen klingen ‘Die Ärzte’ mit “(Ich ess) Blumen” in meinem Kopf…

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