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Lange habe ich überlegt, ob ich mich in die Reihen derer eingliedern soll, die über die Ereignisse rund um die Loveparade bereits berichtet haben.
Ich war nicht dabei, ich habe niemanden vor Ort gekannt und doch habe ich das Geschehen in den letzten Tagen mit Betroffenheit und Mitgefühl verfolgt. Der @ennomane brachte es in seinem Blogartikel recht gut auf den Punkt

“Betroffen”, das ist so ein Wort aus dem Gutmenschen-Vokabular. Wer es gebraucht, riskiert, dass ihm Falschheit unterstellt wird. Mag sein, dass die Betroffenheit zur Floskel verkommen ist, weil es die Political Correctness gebietet, in bestimmten Situationen Betroffenheit zur Schau zu stellen. Flugs stellten sich die ersten Beschimpfungen ein. Wer sich auf Twitter betroffen zeigte, wurde unterstellt, dies nur für die Öffentlichkeit zu tun.

Allein diese im Netz verbreitete Haltung bestätigte mich in meinen Überlegungen eben nichts darüber zu schreiben. Hinzu kam, dass bereits so viele Menschen in den verschiedensten Medien Stellung bezogen hatten und ich nicht mit Neuigkeiten aufwarten kann.
Weder wollte ich jene verurteilen die Twitter nutzten, ob als Ventil für erste bestürzende Emotionen, zur Nachrichtenübermittlung, oder für die vielfach gesehenen Suchmeldungen. Noch wollte ich mit einstimmen in das Finden eines Schuldigen, den man dann “hängen” kann. Damit wir endlich jemanden haben, gegen den sich diese hilflose Wut richten kann, die viele umtreibt. Auch lag mir nicht daran, mich über die empathie- und sinnbefreiten Worte einer Frau Hermann auszulassen.
Meine Fachlichkeit liegt zudem nicht darin, fundierte Einschätzungen abzugeben und ich spreche diese den meisten zum jetzigen Zeitpunkt noch ab. Es gibt Leute, die mir dadurch sympathisch sind, dass sie sich mit den Ereignissen befassen, ohne für sich das Allwissen zu beanspruchen. Hier fällt mir Lars Fischer ein, der sich in seinem Blog mit der Frage: “Loveparade-Unglück in Duisburg: War der Eingang groß genug?” unter physikalisch-mathematischen Gesichtspunkten befasste.

Heute nun gibt es jedoch einen Grund, warum ich mein ursprüngliches Vorhaben nichts schreiben zu wollen aufgegeben habe.
Hintergrund ist, dass DerWesten heute einen längeren Artikel mit dem Titel “Augenzeuge filmte Loveparade-Panik an der Treppe” veröffentlichte. Auf YouTube hat ein Student aus Süddeutschland unter seinem Account „pizzamanne“ eine rund 35-minütige Chronologie der Ereignisse hochgeladen. Er selbst war in der Masse eingeschlossen. Diese Videos zeigen die Tragödie in einer derart intensiven Form, dass diese teils nur für angemeldete Nutzer ab 18 Jahren zugänglich gemacht wurden. Überlegt daher gut, ob ihr die Videos ansehen wollt!

Pizzamanne möchte anonym bleiben, will aber das Videomaterial der Polizei und Staatsanwaltschaft zur Verfügung stellen. Vorallem aber möchte er das Mädchen finden, dessen Hand er hielt, als sie schon von anderen Körpern zu Boden gedrückt worden war. Er hatte es nicht geschafft sie hochzuziehen.

Stattdessen habe ich 15 Minuten lang ihre Hand gehalten und immer wieder auf sie eingeredet, dass sie durchhalten soll. Irgendwann löste sich das Gedränge auf, und ich konnte ihr aufhelfen.

Meine Intension ist vielleicht einen kleinen Betrag dazu zu leisten, dass sich die Suche von pizzamanne verbreitet.

Ein weiterer Grund liegt für mich in der “Macht”der Öffentlichkeit. Es wurde in unglaublicher Geschwindigkeit eine Öffentlichkeit hergestellt, die es unmöglich macht, Dinge langfristig unter den Teppich zu kehren. Je stärker die Öffentlichkeit ist, desto höher wird der Druck auf jene werden, die schon längst hätten Verantwortung übernehmen müssen.
Deshalb und nur deshalb finde ich die Verbreitung derartiger Bilder gut und wichtig. Huck Haas hat einen sehr eindrucksvollen und persönlichen Artikel geschrieben, den ich allen ans Herz legen möchte. In diesem schreibt er zu diesem Teil des Themas:

Ich finde die Demokratsierung der Bilder von der Basis wichtig. Sie sind voll der Härte und das verzweifelte Schreien der eingeklemmten Menschen klingt extrem nach. Wir Zuschauer können nicht die ganze Verzweiflung begreifen und nachvollziehen, aber so ist sie ein bisschen gegenwärtig, man versteht ein bisschen warum selbst gestandene Sanitäter weinend zusammengebrochen sind. Man kann es erahnen. Ich glaube man muss es sich auch anschauen um irgendwas zu begreifen. Und dann sollte der Gedanke einmal weg von der eigenen Unzulänglichkeit und der Selbstbetroffenheit, was man doch für eine arme Sau ist, weil man diesen schier unfassbaren Inforamtionen aus dem Internet ausgesetzt ist, dann sollte der Gedanke immer den Opfern gelten.

Und so möchte ich auch hier abschließen. Pizzamanne ist nicht der einzige Mensch, der unter den Folgen einer massiven Traumatisierung zu leiden haben wird. Ich kann nur allen Beteiligten, Angehörigen und Hinterbliebenen wünschen, dass sie die Hilfe bekommen, die sie brauchen.

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2 Kommentare auf “Gegen das Vergessen: Loveparade – Ein Augenzeuge filmte und sucht noch immer …”

  1. Flash sagt:

    Ich hab die Filme von Pizzamanne auch gesehen. Seit es Handys mit Video und das Internet gibt, kann man einfach nix mehr vertuschen. Kehrseite davon ist, daß die Leute eben auch bei den Reanimationen und den Toten voll draufhalten.

  2. Laja sagt:

    Das ist natürlich immer eine Gratwanderung.
    Doch Extreme hast du leider immer, egal wie mit derartigen Situationen umgegangen wird oder wurde.