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Es gibt ja Tage da begegnet einem die geballte Schrillheit. Was hätten wir denn da:

Zunächst begegnete mir heute Früh ein weibliches Wesen in der U-Bahn. Geschätzt Mitte 50, eher bieder gekleidet in rotem Wollblazer, schwarzer Hose und großer Brille, lehnte sie mit verkniffenem Gesichtsausdruck gegen die Haltestange in Türnähe. Neben sich einen Rollikoffer. Fast wirkte es so, als würde sie den Koffer benötigen, um die Last ihres Lebens auf ein anderes Transportmittel, als die sonst üblichen Schultern zu verlagern. Sie war recht klein. Genau genommen, geschätzte 160cm, was zu meiner Körperhöhe einen Unterschied macht, der mich unangestrengt über sie hinweg sehen lässt.
Es war eine dieser Frauen, die in ihre Umgebung kein Wohlgefühl ausstrahlen. Sie haben eher etwas recht Verschrobenes. Die angestaute innere Wut strömt aus allen Poren, so dass unweigerlich doch ein Blick hängen bleibt. Ich überlegte noch, welche Tagesmission sie wohl vor sich haben mochte, als die Bahn in der nächsten Station einfuhr und sie sich zur Tür umdrehte. Das war der Moment wo ich froh war, dass ich meine Lautgebefunktionen zumeist gut unter Kontrolle habe und mir nur die – für sie nicht mehr sichtbaren – Gesichtszüge entglitten.
Denn: ihre blonden Haare waren mit einer Haarspange zum Pferdeschwanz zusammengefasst, die mit zwei Mäusefallen aus Plastik bestückt war. Jede der Fallen war wiederum verziert mit einer spöttisch dreinblickenden grauen Maus, die nur ein wenig zu klein war, um aus einem Überraschungsei entsprungen zu sein. Das ist ja mal speziell, dachte ich. Nun kann man sich entscheiden: a) sie hat doch mehr Humor als vermutet, b) es war die Haarspange ihrer ehemals 7jährigen Tochter, als diese noch auf Didl stand, c) es war die Haarspange ihrer Tochter, weil sie keine andere fand in der morgendlichen Eile d) sie musste die Haarspange tragen, weil ihre Tochter darauf bestand, dass sie sie als Talisman mit auf ihre Reise nimmt, e) sie weigert sich ihr Alter zu akzeptieren, weil sie schon genug in ihrem Leben hat hinnehmen müssen oder f) sie ist einfach nur “dezent” ver-rückt.
Noch in Gedanken rätselnd setzte ich meinen Weg fort. Mal abgesehen von zwei Kampfrentnern, die sich wie Wühlmäuse – hach, heute mal das Mausthema – durch die Menge der Leute boxten und vielen lächelfreien Gesichtern, war es verhältnismäßig ereignisbefreit.
Erst heute Abend wurde es wieder bunt. Es spielt wohl der HSV. Dies bekomme ich spätestens dann mit, wenn ich zum Feierabend von blau-weiß-schwarzen Fanblöcken umrundet bin, die schon mal heftigst vorglühen und ihre Stimmbänder in Gang bringen. In diesem Moment kam mir die Frage eines aufgebrachten Klienten in den Sinn „Haben sie nicht eine Gruppe für meine Impulsstörung?“ Also für seine Impulsstörung wäre das auf sicher das Richtige, aber wir wollen ja mal nicht so kleinlich sein.
In diesem Sinne – gehabt euch wohl und genießt den Restabend!

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