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Psychiatrisch interessanter Er, begegnet mir wie es scheint nun öfters morgens in der Bahn. Immer trägt er einen Anzug. Meist mit einer quietschrosa oder grellgelben Krawatte. Die schwarzen Haare mit dem gewissen zu viel an Pomade in einer Welle nach hinten gestrichen. So stark schwitzend, dass sein Stofftaschentuch bereits ganz feucht wirkt.
Die Menschen scheinen ihn eher zu meiden, zu nah kommt ihm trotz der Fülle im Wagon niemand. Kurz schießt mir in den Sinn, welches Psychopharmakon es noch einmal war, das so stark das Schwitzen anregt, doch ich wische den Gedanken in die Unfair-Schublade.
Laut spricht er plötzlich in sein Handy. Seine Stimme ist ungewöhnlich hoch für einen Mann, noch dazu einen Mann mit seiner eher kräftigen Statur: “Meine Frau hat gerade eine Flasche Gin bei ihnen gekauft und vermisst ihre Lederhandschuhe. Liegen die noch bei ihnen?…Ja?…Ach Gott sei Dank! Wir holen die dann morgen oder übermorgen bei ihnen ab… Ja danke schön und sie heben die dann auf, ja? … Ah ja danke!“ Er schwitzt noch stärker setzt das Handy kurz ab, wischt sich die Stirn trocken, rückt die Brille zurecht, bevor er erneut wählt: „Ich bin’s. Ja die Handschuhe sind noch da. … Ja, ich hab gesagt wir holen die dann ab … Ja, die heben die auf… Ich bin jetzt in der U-Bahn. Ja … bis dann“
Sieht man sich um, sieht man grinsende Gesichter oder die ein oder andere gerunzelte Stirn. Mein inneres Grinsen ist irgendwie abhanden gekommen, je länger ich ihn erlebe. Und doch verschwand sein Bild mit dem Aussteigen und meinen schnellen Schritten in einen weiteren Arbeitstag.
Am nächsten Morgen traf ich erneut auf ihn. Auf einer Bank sitzend, wartete er auf die Bahn. Fast hospitalistisch bewegte er den Oberkörper vor und zurück, während er sein Handy bediente. Erstaunlich, dass er in diesem Rhythmus sms schreiben kann. Dieser Gedanke wich einem Mitgefühl, das sich letztlich paarte mit klinischem Interesse. So habe mich gefragt, ob er wohl merkt, dass alle ihn ansehen, dass er anders ist? Meine Fantasie überschlug sich mal wieder bei den Spekulationen darüber wie sein Leben wohl sein mag. Eine trinkende Frau zu Hause, die ihr Gesicht unter einer dicken Schicht Make up versteckt, um die Spuren zu verdecken, die die Sucht im Gesicht hinterlassen hat. Ich stelle sie mir nicht freundlich vor. An manchen Tagen sind ihre Haare sicher noch eingedreht, wenn er irgendwann abends nach Hause kommt.
Nach Hause nach einem Tag, wo immer er den auch verbracht hat. Arbeiten? Kaum vorstellbar, eher eine ergotherapeutische Betreuung in einer psychiatrischen Tagesklinik? Hm… oder doch nur eine Flucht aus der Wohnung für ein paar Stunden?
Traurig – nicht wahr? Schmunzeln kann ich nicht mehr über ihn.

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