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105 Jahre J.-P. Sartre

Wäre Jean-Paul Sartre nicht 1980 gestorben, so würde er heute seinen 105ten Geburtstag feiern. Jean Paul Sartre um 1950Gäbe es Google nicht, die ihn mit ihrem heutigen Doodle ehren, wäre ich nicht darüber gestolpert.
So ist es Grund genug den Morgen mit ihm zu beginnen. Satre hat mich in meiner (ich nenn’s mal) literarischen Entwicklung weniger begleitet als Simone de Beauvoir, die Frau mit der er über Jahrzehnte eng verbunden war.
Doch Sartres’ Werk “Das Spiel ist aus” ist immer recht dicht in meiner Erinnerung und zählt zu einem meiner liebsten Bücher. Schon etwas vergilbt sind die Seiten meiner rororo Ausgabe, die ich mir 1993 kaufte.

Die Geschichte handelt von zwei sehr gegensätzlichen Menschen, dem Rebell Pierre und der Milizinärsgattin, Ève. Beide werden zur gleichen Stunde ermordet und begegnen sich in einer Welt der Schatten. Sie verlieben sich in einander. In ihnen entbrennt der sehnsüchtige Wunsch noch einmal um des anderen Willen leben zu dürfen.

Auszug (Seite 60)
“Mein Gott”, sagt er, wie süß wäre es, Ihre Schultern zu berühren. Ich möchte so gerne Ihren Atem spüren, wenn Sie mich anlächeln. Aber auch das habe ich verpasst. Ich bin ihnen zu spät begegnet…”
Ève legt Pierre die Hand auf die Schulter.
Sie sieht ihn liebevoll an:
“Ich gäbe meine Seele dafür hin, einen Augenblick lang wieder zu leben und mit Ihnen zu tanzen.”
“Ihre Seele?”
“Das ist alles, was wir noch besitzen.”
Pierre nähert sich seiner Begleiterin und umfaßt sie von neuem. Sie beginnen wieder zu tanzen, sehr zart, Wange an Wange, mit geschlossenen Augen.

Sie bekommen diese Chance.

Auszug (Seite 62-63):
Die alte Dame lehnt sich zurück und prüft die beiden aufmerksam durch ihre Lorgnette.
“Schönes Paar!”, sagt sie.
Dann beugt sie sich wieder über das Buch, aus dem sie den berühmten Artikel 140 vorgelesen hat. Aber diesmal faßt sie zusammen: “Sie müssen folgende Bedingung erfüllen: Sie kehren ins Leben zurück. Vergessen Sie nichts von dem, was Sie hier erfahren haben. Falls es Ihnen innerhalb von vierundzwanzig Stunden gelingt, sich in vollem Vertrauen und mit allen Kräften zu lieben, haben Sie Anrecht auf ein vollständiges menschliches Leben.”
Dann deutet sie auf einen Wecker auf ihrem Schreibtisch: “…Wenn Sie das in vierundzwanzig Stunden, das heißt morgen um zehn Uhr dreißig nicht erreicht haben…”
Pierre und Ève starren angstvoll auf den Wecker:
“Wenn zwischen Ihnen auch nur das leiseste Misstrauen bestehenbleibt … nun, dann werden Sie mich wieder aufsuchen und Ihren Platz unter uns wieder einnehmen. Alles klar?”
Bei Pierre und Ève mischt sich die Freude mit Angst, was sich in einer furchtsamen Zustimmung äußert:
“Alles klar!”
Nun erhebt sich die alte Dame und verkündet feierlich: “Also, Sie sind vereint.”

Die Uhr des Schicksals wird also zurück gedreht, unter der Bedingung, dass sie sich vorbehaltlos in ihre Liebe ergeben. Doch beide sind leider zu sehr in die Entscheidungen ihres früheren Lebens verstrickt, werden eingeholt von den Forderungen der Vergangenheit. So verlieren sie am Ende das zweite Leben an der Unfreiheit ihres ersten.

Noch heute kann ich dieses Buch uneingeschränkt empfehlen.
Im Übrigen wurde es 1947 auch von em Regisseur Jean Delannoy verfilmt nach einem Originalskript von Jean-Paul Sartre.

Das wäre dann mal mein morgentliches Gedenken an Sartre. Mit einem Zitat zum Schluss wünsche ich allseits einen schönen Wochenanfang.

Der Weise sagt niemals, was er tut – aber er tut niemals etwas, was er nicht sagen könnte. (J.-P.Sartre)

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